gruppe monaco /// verein freier menschen (ao)

Das war’s

Posted in Texte by monacoverein on Dezember 7, 2012

Die Gruppe Monaco existiert nicht mehr.

Hier gibt es etwas Neues.

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Veranstaltung mit Gerhard Scheit

Posted in Termine by monacoverein on Mai 19, 2012

Souveränität und Krise, Gewalt und Wahn:

Die Eurokrise und die Widerkehr des Verdrängten

Vortrag und Diskussion mit Gerhard Scheit (Publizist, Wien)

Die Verschärfung der Krise bringt den europäischen Bürgern offenbar nicht die Notwendigkeit eines europäischen Souveräns nahe, sondern setzt hier im Gegenteil die zentrifugalen Kräfte erst vollständig frei. Es gibt eben keinen Automatismus, wonach eine gemeinsame Währung, unter Kompressionsdruck der Finanzmärkte geraten, einen gemeinsamen Staat aus sich selbst heraus produzierte, so wie auch der Begriff der Krise keineswegs auf den der Ökonomie als einer isolierbaren Sphäre der Gesellschaft reduzierbar ist: Er lässt sich nicht losgelöst vom Bewusstsein bestimmen, das die Menschen jeweils von ihr haben, und in diesem Bewusstsein ist im Stande der Unfreiheit noch immer die Vergangenheit das Einheitsstiftende, d.h. konkret: die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Angesichts dieser Konstellation für einen starken europäischen Staat zu plädieren, als bessere Chance, die ökonomische Krise zu bewältigen, erweist sich darum als neokonservatives Wunschdenken. Es ist, wie unschwer zu erkennen ist, von den USA inspiriert – jenem Staat, der Europa vom Westen her befreit hat. Darin kommt indirekt eben nichts anderes zum Ausdruck, als dass ein eigener europäischer Souverän letztlich nur möglich wäre, wenn Europa sich selbst von Hitlerdeutschland befreit hätte. Das ganze Dilemma, das sich an der europäischen Einigung von heute abzeichnet und die weltweilte Krise eigenartig zuspitzt, müsste als das Nachleben des Nationalsozialismus inmitten der Demokratie begriffen werden – ein Nachleben, das eben nicht nur kein Ende nimmt, sondern nun erst seine Wirkung ganz entfaltet.

Die Eurozone der Europäischen Union ist nicht die einzige Währungsunion. Etwa zur selben Zeit wie in Europa sind zwei solche Zonen in Afrika entstanden: Seit 1994 existiert die Westafrikanische Währungsunion (auf der Grundlage der Wirtschaftsunion Ecowas mit u. a. Elfenbeinküste, Mali, Niger, Senegal, Togo); seit 1999 die benachbarte Zentralafrikanische (u.a. Kongo, Tschad, Zentralafrikanische Republik); und für die nächsten Jahre ist auch eine ostafrikanische geplant (u.a. Kenia, Tansania, Ruanda). In diesen afrikanischen Staaten treten seit längerem schon Bandenherrschaft und Bandenkriege mit besonderer Intensität hervor, wobei eben auch, wie sich 2012 vor allem in Mali zeigt, die jihadistischen Rackets am leichtesten Terrain gewinnen. Daran lässt sich erkennen, welche Zukunft auch Europa bevorstehen könnte – zumindest wenn es nach denen geht, die schon jetzt einen Volkskrieg gegen jenes eine Prozent entfesseln wollen, welches in ihrem wahnhaften Weltbild die Krise zu verantworten haben soll.

Donnerstag, der 31. Mai 2012, 19 Uhr (pünktlich)

Im Salon Irkutsk, Isabellastraße 4, München-Schwabing (Nähe Josephsplatz)

Zusatz. In der Diskussion wird es auch die Gelegenheit geben, auf den Hype um Richard Wagner und dessen strukturell antisemitischer Kapitalismus- und Staatskritik, an der sich die spätbürgerlichen Opernliebhaber und Kulturökonomen immer noch und immer wieder berauschen (siehe etwa den Artikel Staatendämmerung: Richard Wagner kritisiert im „Ring“ nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die Politik. Sein Drama wird zur Allegorie der Staatsschuldenkrise, FAS 08.01.2012), einzugehen.

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Monaco und Carl Wiemer in Nürnberg

Posted in Termine by monacoverein on Mai 15, 2012

Gemeinsam mit der AG Kritische Theorie aus Nürnberg richten wir folgende Veranstaltung aus und laden recht herzlich ein:

Ein Volk, ein Reich, eine Familie

Die Familie Martin Walser und ihre Versuche, Kritik zu kriminalisieren und den Kritiker mundtot zu machen

Vortrag und Diskussion mit Carl Wiemer


In seiner Dokumentarkomödie ‚Der Literaturverweser’ (Edition Tiamat 2010) hat Carl Wiemer Martin Walser und seine Töchter als prototypische Produkte des deutschen Kulturbetriebs gezeichnet, in dem inzestuöse Borniertheit, künstlerische Inferiorität und ein unbelehrbarer Antisemitismus stets für preiswürdig gehalten werden. Daneben begleitete er zwei Jahre lang die öffentlichen Auftritte Martin Walsers und seiner Tochter Alissa mit Aufklärungsmaterialien, die er bei deren Lesungen unters Publikum brachte. Seitdem wird er von der Familie Walser mit einer Flut von Unterlassungserklärungen, einstweiligen Verfügungen, Zivil- und Strafprozessen eingedeckt, die den Zweck verfolgen, Kritik zu kriminalisieren und den sie übenden Kritiker mundtot zu machen.

In seinem Vortrag schildert Carl Wiemer die gegen ihn gerichteten Versuche der Familie Walser, ihre Lebens- und Geschichtslügen juristisch sanktionieren zu lassen. Diese Lebens- und Geschichtslügen korrespondieren auf frappierende Weise mit jenen der deutschen Nation, was insofern nicht wunder nimmt, als von den Walsers zwei der glorreichsten deutschen Traditionen verkörpert werden, nämlich der Antisemitismus durch das NSDAP-Mitglied Martin Walser und das Denunziantentum durch seine Tochter Alissa und deren Ehemann, den STASI-Spitzel Sascha Anderson.

Außerdem geht es um die Analyse des hiesigen Kulturbetriebs als branchentypischer Gestalt eines Rackets, als deren kleinste Gestalt die Familie firmiert, während seine aggressivste Form die Nation darstellt. Nicht zufällig hat Walser die Nation stets als Großfamilie konzipiert. Das deutsche Kulturracket bringt folgerichtig den Typus des Staatsschriftstellers hervor, der sich nicht nur von staatlichen Zuwendungen nährt, sondern auch keinen Moment zögert, die staatlichen Vollzugsorgane Polizei und Justiz einzuschalten, um gegen seinen letzten Feind, den freien Autor, vorzugehen. Der Staat, der nicht umsonst allseits als Vater imaginiert wird, soll seine Polizeikräfte mobilisieren, um jene Rolle einzunehmen, die Papa Martin für seine talentfreien Töchter zeitlebens gespielt hat.

Nichts widerspricht dem Geist der Literatur mehr als die Walsersche Vorstellung, dass die Literatur ein in Erbfolge zu führender Familienbetrieb sei, in dem die Herkunft alles und die Texte nichts zählen.

Dienstag, 05. Juni 2012

19:30 Uhr

Veranstaltungsort: II. OG Glasbau im KUKUQ (ex-K4 /ex-Komm)

Königsstraße 93, Nürnberg (gegenüber Hbf)

Veranstalter: AG Kritische Theorie/Redaktion Pólemos und Gruppe Monaco (München)

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Bahamas-Konferenz in Berlin

Posted in Termine by monacoverein on Mai 11, 2012

Kurz bevor hier zwei eigene Veranstaltungen im Mai und Juni beworben werden, sei noch rechtzeitig auf die Konferenz “Die Revolte der Enthemmten” der Zeitschrift Bahamas hingewiesen:

DIE REVOLTE DER ENTHEMMTEN

Bahamas-Konferenz am 25. und 26. Mai 2012 in Berlin

 

Freitag, den 25. Mai

Beginn 19 Uhr

Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Kinosaal (Raum-1115)

 

Die Israelsolidarität am Ende –

für etwas Besseres als Kampagnenpolitik und Bekenntnisübungen

 

a:ka Göttingen

Keine Bühne gegen Israel!

Das Atzmon-Konzert ist gelaufen; unsere Forderung nach einer Absage blieb (wie erwartet) ungehört. Auch unsere Kundgebung ist gelaufen – von Massenprotesten konnte keine Rede sein, aber um die 50 Leute kamen immerhin zusammen, um die Gäste des Jazzfestivals mit unserer Kritik zu konfrontieren. So resümierte der a:ka Göttingen seine Kampagne gegen den Auftritt des israelischen Israelhassers und Antisemiten Gilad Atzmon im Herbst letzten Jahres auf dem Göttinger Jazzfestival. Ausgehend von dieser Intervention soll über Sinn und Unsinn sogenannter praktischer Israelsolidarität reflektiert werden. Besonderes Augenmerk wird auf das Ineinanderwirken von pflichtschuldigem Bekenntnis zur „besonderen Rolle Deutschlands nach Auschwitz“ auf der einen und anti-israelischem, -zionistischem,-semitischem Ressentiment auf der anderen Seite gelegt.

 

Philipp Lenhard

Das Elend der positivistischen Vernunft

Was haben der antideutsche Antisemitenjäger Dr. Clemens Heni, der israelsolidarische Taz-Redakteur Deniz-Yücel und der stets sehr westlich gestimmte Journalist und Autor Alan Posener gemeinsam? Sie betrieben „Schweinejournalismus“ (Jürgen Trittin) als sie im März 2012 Joachim Gauck Auschwitz-Verharmlosung und gar Antisemitismus unterstellten.

Der hatte in einem Interview jene Rationalitätsform, die Dan Diner in seinem bekannten Zivilisationsbruch-Aufsatz zum Gegenprinzip der Shoah stilisiert hatte, kritisiert, um sich vom geschichtswissenschaftlichen Funktionalismus abzugrenzen. Dass Posener sich genau wie Yücel auf Dan Diners These stützte, um den Begriff der Rationalität zu retten, ist bemerkenswert. Um jeden Preis soll offenkundig der Zusammenhang von blinder Herrschaft und Antisemitismus, wie ihn Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung dargestellt haben, zum Verschwinden gebracht werden. Dafür bedient man sich schamlos Diners Apologie der Rationalität, der sich doch immerhin gewahr war, dass die Shoah unwiderruflich auch die positivistische Vernunft dementiert hat, weil diese angesichts von Auschwitz versagt hat.

 

Justus Wertmüller

Gegen die Mitte der Gesellschaft

Dass nicht Günter Grass das Problem ist, sondern die Süddeutsche Zeitung, die ihn unkommentiert auf Seite eins mit seinem jüngsten „Gedicht“ präsentiert hat, ist all den empörten Kommentatoren nicht aufgefallen. Die SZ repräsentiert über 400.000 gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche, fortschrittliche, ja kritische Leute, mit denen es sich niemand verderben will. Man kennt sie, man lebt mit ihnen zusammen, man teilt viele ihrer Meinungen. In der Israel-Frage müsse man sie nur noch überzeugen, wähnt der eine Teil der Israelsolidarität, der nicht erkennen will, dass das Übel des Antisemitismus seinen Kern dort hat, wo eine Broschüre wie Wir sind viele – eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus gefeiert wird, die eben nicht von Holger Apfel sondern von Heribert Prantl stammt.

Der andere Teil des imaginierten Bündnisses interveniert schon deshalb nicht gegen die Pest, die nicht nur aus München kommt, weil er in seinem Bekenntniszwang viel zu sehr mit den eigenen Leiden, gewähnten Verstrickungen und Kleinschriftstellereien beschäftigt ist, um sich so rohen und scheinbar sinnlosen Beschäftigungen zu widmen, wie der öffentlichen Denunzierung dieser „Mitte der Gesellschaft“.

 

Eintritt für den Freitagabend 5 € (ermäßigt 4 €)

 

 

Samstag, den 26. Mai

Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Kinosaal (Raum-1115)

 

Die Revolte der Enthemmten

 

10:30 Uhr

Podium 1: Das Leben als Projekt

 

 

Jan-Georg Gerber

Büro ist Krieg

Anders als gern behauptet, gibt es hierzulande kaum jemanden, der Freude an seiner Arbeit empfindet; kaum jemand hat es darüber hinaus gelernt, sich mit seiner beruflichen Tätigkeit zu arrangieren. Arbeit wird nicht als notwendiges Übel begriffen, das mit etwas Glück ein bisschen Luxus und Unabhängigkeit verschaffen kann, sondern ausschließlich als die Quälerei, die sie zweifellos auch ist. Die Überhöhung der Arbeit zum Dienst an einer höheren Sache, die insbesondere in Deutschland beliebt ist, kann als Reflex auf die Unfähigkeit verstanden werden, zwischen Realitäts- und Lustprinzip zu vermitteln. Der Spaß an der Arbeit wird dadurch trotzdem nicht größer. Aus diesem Grund – und forciert durch die grassierende Angst vor der eigenen Überflüssigkeit – gibt es kaum einen Ort, an dem sich die Menschen wechselseitig so viel antun wie im Betrieb. Daran ändern auch das permanente Supervising, die „flachen Hierarchien“, das beliebte Chefduzen und die gern beschworene Transparenz nichts. Im Gegenteil: Sie verstärken die Tendenz, Arbeit als Qual zu praktizieren, die umso unerbittlicher ist, je stärker die Individuen sich gegenseitig zwingen, sie sich als Lust zuzueignen.

 

Leo Elser

Aus Freude angepasst

In Zeiten der Krise besteht der gesellschaftliche Druck der Konkurrenz vor allem in der omnipräsenten Drohung, nicht mehr gebraucht zu werden. Diese Überflüssigkeit ist heute jedoch nicht mehr die einer „industriellen Reservearmee“. Weil die Chancen auf Wiedereingliederung nahezu Null sind, heißt Überflüssigkeit heute: Müll zu sein, von dem es zu viel gibt, als dass der Müll ernsthaft auf sein Recycling hoffen dürfte. Das erzeugt den Glauben, hielte man sich nur körperlich und seelisch fit, dann würde man vielleicht doch noch von irgendjemandem oder für irgendetwas gebraucht werden. Die Anhänger der „Gesundheitsreligion“ wollen beweisen, was sie bereit sind, sich anzutun. Im Englischen ist es bereits treffend formuliert. Fit for fun heißt: aus Freude angepasst.

 

Uli Krug

Bereitschaft zu allem

Von der Panik, als überflüssig erkannt zu werden, sind auch die erfüllt, die sich für berufen halten, Auswege aus dem gesellschaftlichen Verhängnis aufzuzeigen. Die historische Figur des engagierten Intellektuellen kann als Rollenmodell für die Fertigkeiten betrachtet werden, die heute gefordert sind: totale Hingabe an die Sache, die aktuell natürlich Arbeit heißt. In einem kurzen Abriss der Geschichte des Zusammenhangs von Willen und Ohnmacht soll die Bedeutung der Intellektuellen als Avantgarde der Überflüssigen skizziert werden.

 

 

 

14:30 Uhr

Podium 2: Antiautoritärer Konformismus

 

 

Philippe Witzmann

„Dass nur das Wirken für die eigene Gemeinschaft einen Sinn hat“.

Sich radikal gebende Politkunst wirbt ihre Entstehungskosten mittlerweile ausgerechnet bei Banken, Handels- und Industrieunternehmen ein und schickt sich so an, dem Kapitalismus mit Hilfe des Kapitals den Garaus zu machen. Diese letzte Subversion eines mafiös organisierten Kartells von Institutionen des zeitgenössischen Kunstbetriebs – verkörpert unter anderem in den Kunst-Werken Berlin (KW Institute for Contemporary Art), die für die Berliner Kunstbiennale verantwortlich zeichnen – bedarf des ideologisch versierten Vermittlers weit mehr als des Künstlers und seiner mageren Produkte.

Die vom diesjährigen Kurator der Berlin Biennale, Artur Žmijewski, der nackte Menschen beim Tanz in einer Gaskammer des Dritten Reiches hat ablichten lassen, produzierte und präsentierte Kunst ist mehr als bloßer Agitprop. Engagierte Kunst heute zielt im Ungeist der Occupy-Ideologie auf die Vernichtung der Kunst, des Individuums, Israels und damit der Zivilisation.

 

Sören Pünjer

Die antiautoritäre Gesellschaft

Steckten in den späten 60er Jahren unter den Talaren der Professoren unbestreitbar auch ihre in den kurzen tausend Jahren bis 1945 aufgebauten Karrieren, so war der Kampf gegen den Muff auch damals schon weit eher als politisch legitimer Protest ein Ressentiment gegen jede Autorität, das bezeichnenderweise mit Vorliebe an Theodor W. Adorno und nicht etwa an Heideggers Adepten ausagiert wurde. Als autoritär und damit abzulehnen gilt seither die Zumutung, dass einer kraft überlegenen Wissens sich anmaßt, andere zu belehren. Gefragt ist nicht jene Autorität, der man nacheifert, um sich ihr irgendwann einmal gleich oder gar überlegen zu erweisen, sondern eine angeblich jedem offen stehende Kompetenz zur Kommunikation. Solche mit Soft Skills und Intrigen, Networking und Denunziation betriebene Austreibung von Wissen und der Befähigung zum Denken ist das innere Bewegungsgesetz einer antiautoritären Gesellschaft, in der der Zwang zur Konformität total wird.

 

Jörg Huber

Nächste Auffahrt: Idealismus

Als Idealismus bezeichnete man lange Ideen, deren Realisierung unmöglich oder verbaut erschien, seien es Schwärmereien oder gescheiterte Menschheitsversprechen. Groß war solcher Idealismus dann, wenn er sich als die Stimme der ums Leben Betrogenen ins Denken oder die Kunst einschlich, ohne auftrumpfend ein Programm zu verkünden. Aus ihrem jeweiligen geistigen Zusammenhang gerissen, in dem sie als die Ahnung einer besseren Wirklichkeit erscheinen, treten „idealistische“ Ideen inzwischen entleert und pseudokonkret selbst als eine Erscheinungsform des Konformismus auf. Die in die Rolle von Empirikern oder Phänomenologen geschlüpften Idealisten verweisen auf Ideen, die nichts mehr versprechen, aber deren Existenz sich logisch nicht widerlegen lässt.

So kompensiert der ontologisierende Idealismus die reale Ohnmacht der Subjekte und erlaubt ihnen wieder und wieder, sich über die tatsächliche Dürftigkeit des Bestehenden scheinbar zu erheben und verächtlich auf die herab zu blicken, denen die Fähigkeit zu solcher Selbstüberschätzung abgeht.

 

18:00 Uhr

Podium 3: Determinismus und Freiheit

 

Thomas Maul

Dialektik und Determinismus. Zum Verhältnis von Adorno, Sartre und Améry

Alle paar Jahre wieder wird das alte Ressentiments gegen den in der Kritischen Theorie angeblich angelegten Determinismus laut. Immer dann wird die falsche Erkenntnis als Befreiungsschlag gegen ein vermeintlich autoritäres, dem Grunde nach der Menschheitsbefreiung entgegenstehendes Denken präsentiert. Entdeckt wird dann der Einzelne, das Ich, das Individuum, auf dessen höchstpersönlichen Willensakt, seine Befähigung zur wesensmäßigen Entscheidung es ankomme, wolle man einem mehr scheinbaren als wirklichen Verhängnis entrinnen. Wenn es ganz schlimm kommt, tritt die Emanzipation von den Zumutungen der Kritischen Theorie selbst kritisch auf – und zwar im ehrbaren Gewand jener antisemitismuskritischen Innovation, nach der jeder, der die Freiheit von Antisemiten bzw. nationalsozialistischen Tätern relativiert, ihre moralisch unzulässige Exkulpation betreibe. Dagegen soll gezeigt werden, dass die Prämissen und Konsequenzen dieses Anliegens nicht weniger verkehrt sind, als die ihm zugrunde liegende Instrumentalisierung von Jean Améry und Jean-Paul Sartre.

 

Magnus Klaue

Fremdbestimmungen. Über das passivische Moment aller Kritik

Der zeitgenössische Konformismus ist anders denn als „kritisch“ nicht mehr zu haben. Insbesondere die Intrigantengemeinschaft des World Wide Web ist bevölkert von „Netzwerkern“ und „Aktivisten“, die den Unterschied zwischen Polemik und Verleumdung längst ebenso praktisch aufgehoben haben wie den zwischen Leben und Beruf. Selbstbewusste Penetranz, refraktäres Aufmucken gegen obsolete Autoritäten und plumpe Kreativschleimerei sind die Schlüsselkompetenzen einer Medienbagage, die ihren Autismus als Kommunikativität und ihre Schamlosigkeit als kritische Intervention praktiziert.

Demgegenüber ist der notwendige Zusammenhang von Kritik und Scham in Erinnerung zu rufen. Kritik, als reflektierter idiosynkratischer Impuls, ist wesentlich Ansprechbarkeit: Sie antwortet auf objektive Zumutungen, die sich ihr aufdrängen und sie bestimmen, statt die Wirklichkeit nach dem Bild des eigenen Ressentiments zuzurichten. Sie ist Antwort auf ein Objektives, auf die Kränkung, die das Leben und die Menschen selbst darstellen, nicht subjektive Meinung. Deshalb vermag sie nur in der Erschütterung des Subjekts zu sich zu kommen, das sie übt: Wer nicht vor sich selbst ebenso erschrecken kann wie vor der Welt, ist zu ihr nicht fähig. In der Verkümmerung der Kritik, die von der Verarmung sprachlichen Ausdrucks untrennbar ist, reflektiert sich die Unfähigkeit zur Erfahrung des falschen Lebens. Dieser Erfahrungsschwund ist die Kehrseite der Unfähigkeit zur Liebe, der freiwilligen Hingabe an ein Objektives, ohne die keine Kritik denkbar ist

 

Justus Wertmüller

Solidarität in der Trostlosigkeit

Mit der Behauptung, die Kritische Theorie betreibe einen Kultus der Negativität, der dazu geeignet sei, den Einzelnen entweder in den Selbstmord oder in ein zynisches Verhältnis zum alltäglichen Vollzug zu treiben, wird gerne unterstellt, Adorno und Heidegger seien in einem Scheinantagonismus zueinander gestanden. Solche existentialistische Aufladung ausgerechnet der Kritischen Theorie blamiert sich nicht nur an der historischen Realität der 50er und 60er Jahre, als man sich, mal von Heidegger, mal von Sartre beglückt, kollektiv „draußen vor der Tür“ wähnte und sein „Wohin denn ich?“ mit der Platitüde „Kein Ort. Nirgends“ beantwortete. Die Neuentdeckung des Existentialismus beginnt mit der triumphal vorgetragenen, aber unbewiesenen Erkenntnis, auch Adorno hätte Fehler gemacht. Sie setzt sich fort mit der verwaschenen Aufforderung, neue Wege kritischen Denkens zu beschreiten und am Ende gar „zusammenzudenken“, was sich ausschließt: der Holocaust und, als Trostspender, Heldenerzählungen aus dem antifaschistischen Widerstand.

In der total verwalteten Welt gegen sie zu bestehen, wird dagegen nur möglich sein, wenn man allem misstraut, was sich als Widerstand anbietet, und aus dem Stande der Trostlosigkeit heraus das Unmögliche tut. Damit der Einspruch sich nicht ins Bekenntnis verkehrt, muss sich kritisches Denken immer des im einzelnen Kritiker notwendig angelegten Hangs zur maßlosen Selbstüberschätzung bewusst sein, die in existentialistischer Attitüde auftritt und doch nur eine Kapitulationserklärung ist.

 

Eintritt für den Samstag 10 € (ermäßigt 8 €)

 

Getränke und Lebensmittel werden am Veranstaltungsort angeboten.

 

Geeignete Räumlichkeiten für ausgiebiges Feiern am Samstag ab 22:00 stehen zur Verfügung. Der Ort wird auf der Konferenz bekannt gegeben.

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Flugblatt zur Walser-Lesung

Posted in Texte by monacoverein on März 8, 2012

Gestern, am 7. März 2012, hat das Münchner Literaturhaus eine Lesung mit Martin Walser veranstaltet. Wir haben folgendes Flugblatt verteilt:

Für alle Walser-Fans!

Wem das Geschwafel und Geschreibsel des Familienunternehmens „Martin Walser und Co“ vom Bodensee gefällt, dem wird das kürzlich in der Edition Tiamat erschienene Drama von Carl Wiemer, Der Literaturverweser. Ein Stück über Vernichtungsgewinnler, auf keinen Fall zusagen. Möglicherweise gehen dem Walser-Fan aber beim Lesen die Augen über und er erkennt seine eigene Verkommenheit. Deshalb sei das Buch kurz vorgestellt. Es ist in jeder Buchhandlung bestellbar.

Das Phänomen Walser stellt sich von außen wie folgt dar: An einem lauschigen See ein stattliches Haus. Darin der Großschriftsteller mit Mama und seinen vielen Töchtern. Doch ist das Haus nicht nur trautes Heim, sondern beherbergt oben-drein ein Wirtschaftswunder, einen hochproduktiven kleinen Familienbetrieb. Mit unermüdlichem Fleiß und gesundem Erwerbssinn füllt er die Zeitungsseiten oder ganze Bücher ab und sammelt Literaturpreise wie andere Leute Bierdeckel oder Briefmarken.
Die Frage ist nur: Wer hatte ausfallen müssen, damit die Schriftstellerrolle mit einer Figur wie Walser besetzt werden konnte? Wiemer gelangt zu folgendem Schluss: [..... ........ .... ....... .............. ..... ... ...... ....], deren Werke an eine Epoche erinnern, in der auch hierzulande der Betrieb noch nicht über Originalität triumphiert hatte. Seit 1933 wurden nicht nur jüdische Kaufhäuser, Firmen und Banken arisiert, sondern auch Verlage und Bühnen. Daher finden sich die Vernichtungsgewinnler heute unter den Kadern der Kulturträger. [....... ......... .... ......... ..... ..... ... ..... ... ...... ..... ... ...] verbreiten wider Willen eine Ahnung von diesem Zusammenhang.

Warum die vielen Auslassungen? Nun, die Antwort ist ganz einfach. Walser mag nicht, wenn man ihn kritisiert. Der Verlag informiert:

Martin Walser hat im Auftrag des Rowohlt-Verlags über eine Abmahnung in Höhe von 20000.- Euro die Herausnahme zweier Textstellen bewirkt. Selbstverständlich ist der Verleger für diese Summe bereit, das genaue Gegenteil zu behaupten. Und er beweist dies mit einem Artikel, den er bereits 2005 veröffentlicht hat, in dem er Martin Walser für etwas in Schutz nimmt, das u.a. Frank Schirrmacher, Ruth Klüger, MRR, Ignatz Bubis und der Spiegel behauptet haben.

Der Artikel sei auf den folgenden Seiten dokumentiert.

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Veranstaltung: Volksfeind Banker

Posted in Termine by monacoverein on Februar 19, 2012

Sehr herzlich möchten wir zu unserer nächsten Veranstaltung einladen:

Volksfeind Banker

Die Occupy-Bewegung zwischen Hass, Neid und Ressentiment

Ein Prozent der Menschheit ist an allem schuld, ein Prozent bereichert sich auf geheimnisvolle Weise an der Arbeit aller anderen, ein Prozent hält die Fäden in der Hand, kontrolliert Regierungen, korrumpiert die Staaten und macht aus gutem Geld böse Kredite, Zinsen und Schulden: Dieses Welterklärungsmuster, auf das die politische Ideologie des Antisemitismus sich schon immer reduziert hat, erhält mehr Zuspruch als je seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Ressentiment hat sich gelöst von seiner doch eher schmuddeligen Existenz an den Rändern der öffentlichen Wahrnehmung, wird nicht mehr allein von pöbelnden Kampf-Ossis, geifernden Islamisten und persönlichkeitsauffälligen Obskurantisten offensiv vertreten; die so genannte “Occupy”-Bewegung, die die 99 Prozent, die unter der Knute der “Schuldknechtschaft” (Jürgen Elsässer), oder wie das früher hieß: “Zinsknechtschaft” (Julius Streicher) leiden, zu vertreten beansprucht, erscheint der politischen und publizistischen Administration respektabel – und das, obwohl der dumpfe Kollektivismus und die eliminatorischen Sehnsüchte dieser Bewegung kaum offensichtlicher sein könnten.

Alex Feuerherdt aber, Journalist aus Köln u.a. für Jungle World, Konkret und Tagesspiegel, nennt Antisemiten auch heute noch Antisemiten und wird das in München öffentlich begründen: Sein Vortrag zur Occupy-Ideologie steht unter dem Titel “Volksfeind Banker” und ist am Mittwoch, den 14. März 2012, ab 19.30 Uhr im Theater Halle 7 zu hören.

Das Theater befindet sich auf dem Gelände der Kultfabrik in der Gräfinger Straße 6 und ist bequem in 10 Minuten Fußweg vom Münchner Ostbahnhof zu erreichen. Am Eingang zur Kultfabrik an der Information nach dem Weg fragen oder sich nach dieser Wegbeschreibung richten.

Im Vorprogramm wird es eine kleine Lesung aus Heribert Prantls Streitschrift Wir sind viele. Eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus (Süddeutsche Zeitung Edition: München 2012) geben.

Veranstalter: Gruppe Monaco.

Eintritt: 3 Euro.

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Nürnberg: Buchvorstellung und Vortrag von Gerhard Scheit

Posted in Termine by monacoverein on November 18, 2011

Gerne weisen wir auf folgende Veranstaltung der AG Kritische Theorie aus Nürnberg hin:

Buchvorstellung mit dem Autor Gerhard Scheit: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno, ça ira Verlag, Freiburg i.B. 2011.
Noch im Todesjahr Adornos war das Buch Die neue Linke nach Adorno erschienen: Es sollte damit eine Art Aufbruchsstimmung suggeriert werden, wobei die einen mit, die anderen ohne das Erbe des Verstorbenen aufbrechen wollten. Das Buch hingegen, das hier präsentiert wird, hat den Untertitel Kritik der Gesellschaft nach Adorno, könnte aber auch: Adorno nach der neuen Linken heißen. Nachdem nämlich diese Linke durch ihren Antizionismus sich selbst zerstört hat, ist jederzeit auf Adornos Imperativ zu beharren: der Nötigung, unter allen Umständen „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole“, und also Israel gegen den antisemitischen Wahn zu verteidigen. So wie die von Adorno geforderte, differenzierteste Kenntnis dieser Umstände immer den Widerspruch einschließt, dass sie erst gar nicht zu begreifen sind, wird die Möglichkeit, sie doch noch zu ändern, aus dem Denken verbannt.


Freitag, 16. Dezember 2011
19:30 Uhr
Glasbau im KUKUQ (K4 / Komm)
Königsstraße 93, Nürnberg (gegenüber Hbf)

http://kritischetheorie.wordpress.com/2011/11/07/qualbarer-leib/

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Veranstaltung mit Thomas Maul

Posted in Termine, Texte by monacoverein on September 8, 2011

Sieg des Feminismus?

Gender Mainstreaming, islamisches Patriarchat und die antisexistische Linke

 

Vortrag & Diskussion mit Thomas Maul (Berlin)

Der Feminismus hat gesiegt. Die CSU ruft ein »Jahr der Frau 2011« aus und kritisiert: »Macht und Geld sind fast nirgends so männlich wie in Deutschland und nirgends werden weibliche Lebensentwürfe so entwertet wie hierzulande! […] Nur die Frauenquote sorgt dafür, dass die in den Machtetagen herrschende ungeschriebene Männerquote endlich aufgelöst wird.«[1] Die Bundesregierung verkündete jüngst, sie verfolge die Strategie des »Gender Mainstreaming […], bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen«[2]. Und um die Wertschöpfung von Arbeit in Deutschland zu erhöhen, fordert die Bundesagentur für Arbeit, »Erwerbspartizipation und Arbeitsvolumen von Frauen zu erhöhen«[3]. Handelt es sich dabei nur um durchsichtige Manöver oder konnten sich wesentliche Positionen der feministischen Bewegung tatsächlich bis in die Wählerschaft der CSU hinein durchsetzen?

Totale Vergleichung

Die Realität ist ambivalent. Die im Durchschnitt inzwischen sogar besser ausgebildeten Frauen beziehen geringere Gehälter, und wer eine gute Ausbildung hat, hat bekanntlich noch lange keinen Job, der einen aus der Umklammerung durch Familie und Ehemann befreien könnte. Dieses von Feministen beklagte Ungleichgewicht ist aber nicht mehr, wie noch im 19. Jahrhundert, einer unvollendeten Kapitalisierung geschuldet, sondern umgekehrt der vollständig durchgesetzten bürgerlichen Gleichheit selbst. Die totale Vergleichung durch das Kapital, der Männer wie Frauen ausgesetzt sind, zwingt sie in ein brutales Konkurrenzverhältnis, in dem jeder Einzelne nach Garantien sucht, um seinem Nachbarn vorgezogen zu werden. Das Geschlecht ist darüber zum Ticket geworden, es konstituiert eine Opfergemeinschaft unter anderen. Die Klage, es müssten jetzt doch endlich einmal Frauenquoten auch in den Chefetagen eingeführt werden, beruht auf einem staatsfetischistischen Verständnis von Kapitalismus: der Staat soll die Arbeit organisieren und die Kapitalisten an die Kandare nehmen. Die einen sagen: Deutschland den Deutschen, die anderen: Deutschland den Frauen, und die dritten: Deutschland den Ausländern. Der Typus des sich ständig betrogen wähnenden Ossis ist längst wieder ein gesamtdeutsches, herkunfts- wie geschlechterübergreifendes Phänomen geworden.

Das Kapital indes interessiert sich für die Befindlichkeiten der Menschen wenig. Es ist pragmatisch und nimmt, was es kriegen kann. Wenn Frauen aus historischen und geschlechtsspezifischen Gründen billiger zu haben sind, schlägt der durchschnittliche Kapitalist dieses Angebot nicht aus. Auch wenn es darum geht, den innerbetrieblichen Konkurrenzkampf zu steigern, der, wenn er nicht zu mörderisch wird, durchaus zu Höchstleitungen anspornt, sind karrierebewusste Frauen immer willkommen. Es mag bei dem einen oder anderen Unternehmer noch emotionale Vorbehalte gegen arbeitende Frauen geben, eine Zukunft hat diese irrationale, ergo: unproduktive Einstellung allerdings nicht.

Die Kopftuchfrau

Nun hat aber eine neue Akteurin die Bühne betreten: die verschleierte Frau. Das archaisch anmutende Gefängnis, das sie um den Kopf trägt, verwandelt das schönste Gesicht in eine Visage. Wo nichtmuslimische Frauen ihre Stärken und Fähigkeiten stets ins Licht zu rücken bestrebt sind, da versucht die Muslima, mit der Betonung von Demut und Unterwerfung aufzutrumpfen – also damit, kein gleichberechtigtes Warensubjekt zu sein. Eine solche Akteurin verunsichert die Gesellschaft, stellt sie doch die Grundlage des bürgerlichen Glücksversprechens in Frage: Nicht das autonome Individuum, das sich erfolgreich auf dem Markt bewährt, soll das Ideal sein, sondern der Einzelne, der vollends in seinem für ihn vorgesehenen Platz in Familie und Gemeinschaft aufgeht. Die Kopftuchträgerin ist das sichtbarste Symbol dieser Selbstpreisgabe des bürgerlichen Subjekts.

Für das Bürgertum, das in all seiner Zukunftsangst durchaus vom islamischen Modell fasziniert ist, geht es darum, dieser Versuchung zu widerstehen. Deshalb macht es sich daran, auch die Kopftuchfrau nach den Kriterien der Verwertbarkeit zu beurteilen, in der Hoffnung, aus den islamischen Familienverhältnissen das Nützliche herauszuziehen. Ob das gelingt oder ob deren Potential, wie Sarrazin meint, überschätzt wird, ist eine von jenen langweiligen und unwichtigen Fragen, welche immer wieder darauf hinauslaufen, sich dem Kapitalstandpunkt anzubiedern. Entscheidender ist, dass im Zuge dieser Debatte permanent weggeredet wird, was doch jeder sehen kann: dass die Frau unter dem Kopftuch das traute Heim nur verlassen hat, um zu besorgen, was auf den Herd kommt. Es wird abends keine geilen Partys geben, am Wochenende keinen Besuch im Fußballstadion, die Spätvorstellung im Kino ist gestrichen, und die Affäre mit zwei Männern, zwischen denen sich zu entscheiden schwer fällt, findet nicht statt. Kurz: Wer noch nicht ganz zum Zombie verkommen ist, wird das Kopftuch als Bedrohung erkennen. Es ist das Symbol der geknechteten Frau. Der Sex mit ihr ist wahrscheinlich so spannend wie die Tagesschau. Und der mit ihm dementsprechend ekelhaft; unsinnliches, rohes Hinundhergeschiebe.

Die meisten Menschen wissen sehr wohl um die nicht zu trennende Symbiose von Islam und Frauenunterdrückung. Gerade Feministinnen wie Alice Schwarzer, die sich, trotz vieler Zugeständnisse, für nicht verhandelbare Inhalte eingesetzt haben, wissen, dass es mit dem Kopftuch keine Gleichberechtigung geben wird. Zu sehr verkörpern die geknechteten Frauen das Schreckbild, gegen das Schwarzer auch dann noch gekämpft hat, als es bezüglich nichtmuslimischer Frauen längst zur Chimäre geworden war.

 Die Krise der antisexistischen Linken

Die antisexistische Linke aber hat, anders als der Feminismus, ein nicht eben kleines Problem: Weil sie sich als radikal kapitalismuskritisch versteht, kann sie sich mit so reformistischen Fragen wie der nach Gleichberechtigung nicht aufhalten. Ihr geht es um mehr, und je ohnmächtiger sie angesichts der schrankenlosen Herrschaft des Kapitals wird, desto irrer wird die antisexistische Programmatik, mit der die Ohnmacht übertönt wird. Daher sprossen postmoderne Konzepte wie das des entsexualisierten Cyborgs ins Kraut. In dem Maße, wie sich die radikale Linke von profanen Forderungen der Gleichberechtigung und Unabhängigkeit entfernt, flieht sie in höhere Sphären und versucht, einen »Schutzraum« zu errichten, in dem alles gut wird. Die Marburger Gruppe »Lisa 2«, die im Juli eine Veranstaltung von Thomas Maul überfiel, lässt beispielsweise verlautbaren: »Wir haben Wut auf den Umstand, dass es Menschen gibt, die sich das Recht rausnehmen unsere Körper zu kommentieren – die unsere Grenzen anhand einer Idee von dem, was ›Normal‹ ist, verletzen. […] Wir wollen einen ›geschützten‹ Raum schaffen, indem wir üben können, wie sich bestimmte Situationen anfühlen – herauszufinden, wie Agierende empfinden könnten und wie dabei grenzüberschreitende Dynamiken mit selbstentwickelten Taktiken gebrochen werden können. Durch Rollenspiel und Reflexion kann hiermit ein Mehr an Handlungsmöglichkeiten entstehen.«[4]

Wer denkt, es ginge der Gruppe darum, dass es für kollektive Kritik eines Raumes bedarf, in welchem diese entwickelt werden kann, der irrt. Nicht um die »Öffentlichkeit«, welche sich in Vorträgen, Talkshows, Feuilletons oder Ringvorlesungen formiert und auf die Habermas und Luhmann so großen Wert gelegt haben, ist es ihr zu tun. Sie will »anfühlen« und »empfinden«, damit »Handlungsmöglichkeiten entstehen«. Damit aber wird Kritik unmöglich und driftet ins Esoterische ab. Durch Abspaltung von der Welt wird der Schutzraum zum Gefängnis und es kommt, ähnlich wie in der bürgerlichen Ehe, zu fürchterlichen Ritualen, deren Inhalt Demutsgesten und Psychoterror sind. Aus der Raumfahrt und aus Expeditionen in die Antarktis kennt man das third-quarter phenomenon, das die Probleme zusammenfasst, die entstehen, wenn Menschen auf zu engem Raum eingesperrt sind. Nach der Hälfte der Zeit, die sie zusammen verbringen müssen, also im dritten Viertel, setzt eine Verschlechterung der Stimmung ein. Es entstehen Frust und Verbitterung, die sich erst nach innen, dann gegen einen imaginierten äußeren Feind richten. Die Tatsache, dass sich solche Verhältnisse permanent in den verschiedenen linken Gruppen vorfinden lassen, lässt darauf schließen, wie stark die Innen-Außen-Unterscheidung getroffen wird. Die kapitalistischen Verhältnisse werden nicht mehr ertragen, sondern Grenzen gezogen und ein »Schutzraum« errichtet. Glücklicherweise haben solche Gruppen keine Rechtsform, so dass die Konsequenzen für den einzelnen verhältnismäßig milde sind, sofern der Ausstieg gelingt.

Mit dem Kampf für das autonome Individuum hat die Linke allerdings nur noch wenig zu tun, vielmehr gefällt sie sich darin, den zahlreichen selbst ernannten Opfergruppen, also fiktionalen Schicksalsgemeinschaften, zu ihrem Recht zu verhelfen. Nur so kann man es erklären, dass sie dem Kopftuch nichts entgegenzusetzen hat. Wo sie sonst wenig Verständnis für »die Herrschenden« und deren Kultur hat, zeigt sie sich empfänglich für die Eigentümlichkeiten des islamischen Racketwesens, welches sie ständig »kritisch« und vor dem jeweiligen Migrationshintergrund beleuchten möchte. Den »Schutzraum«, den die Antisexisten suchen, erkennen sie sogar in der islamischen Großfamilie, in der die Frauen vor den lüsternen Blicken der Männer »geschützt« werden, wieder. Ihr Idol Judith Butler meint, dass die Burka »symbolisiert, dass eine Frau bescheiden ist und dass sie ihrer Familie verbunden ist, aber auch, dass sie stolz auf ihre Familie und Gemeinschaft ist. Sie symbolisiert Modi der Zugehörigkeit innerhalb eines sozialen Netzwerks. Die Burka zu verlieren bedeutet mithin auch, einen gewissen Verlust dieser Verwandtschaftsbande zu erleiden, den man nicht unterschätzen sollte. Der Verlust der Burka kann eine Erfahrung von Entfremdung und Zwangsverwestlichung mit sich bringen, die Spuren hinterlassen wird. Wir sollten keineswegs davon ausgehen, dass Verwestlichung immer eine gute Sache ist. Sehr oft setzt sie wichtige kulturelle Praktiken außer Kraft, die kennen zu lernen es uns an Geduld fehlt.«[5]

Kritik des islamischen Patriarchats

Spätestens jetzt wäre eine Kritik am Begriff des Schutzraumes fällig. Denn in der islamischen Großfamilie wird die Tochter am Esstisch dem Vater nichts entgegenhalten können, weil sie nichts zu sagen hat. Und jeder Mensch, der sich auch nur ein Quäntchen Common Sense bewahrt hat, wird ahnen, dass auf jeden Ehrenmord tausend Fälle kommen, in denen es nicht nötig oder möglich war, bis zum äußersten zu gehen. Die Frauenhäuser sind vorwiegend von muslimischen Frauen bewohnt, es herrschen unhaltbare Zustände. Aber die Linke will und kann nicht zurück. Womöglich ist es die immer schon starke Prägung durch den Protestantismus, welche die deutsche Linke dazu führt, die permanente Gewalt in islamischen Familien klein zu reden, mit perversen Vergleichen (»Ehekrach«) zu relativieren und anstelle dessen auf Innerlichkeit zu schielen. So zaubert sie das vermeintlich stärkste Argument für das Kopftuch hervor: Frauen unter dem Kopftuch fühlen sich womöglich weniger unterdrückt als diejenigen, welche mit ihrem Körper immer in Konkurrenz zu anderen stehen. Trotz der offenkundigen Entmündigung und Unterdrückung protestieren antisexistische Linke nicht gegen das islamische Patriarchat, sie verdrängen dessen Existenz. Mit Neid und Hass reagieren sie daher auf diejenigen, die es wagen, das Offenkundige auszusprechen. Es steht diesen nicht zu, ein Urteil abzugeben, welches nicht im Konsens zustande kam. Mehr noch, es kann ein solches Urteil nicht geben. Es muss sich, von außen kommend, um eines jener Urteile handeln, das von den Agenten des Kapitalismus, Rassismus und Nationalismus kommt. Es darf daher nicht diskutiert oder widerlegt, sondern nur entfernt werden. Die Aggression, mit der sie zuschlagen, ist ein Indiz für die Wahrheit, die sie nicht ertragen. Aus genau diesem Grund haben antisexistische Schläger Veranstaltungen mit Thomas Maul in Berlin und Marburg angegriffen und ausgerechnet ihn, der sich seit Jahren publizistisch gegen die Persistenz des islamischen Patriarchats engagiert, des »Antifeminismus« geziehen.[6]

Um diesem Treiben etwas entgegen zu setzen, ist jeder, der diese Zeilen liest und die Wirklichkeit noch ertragen kann, von uns eingeladen und aufgerufen, zu einer Veranstaltung mit Thomas Maul zu kommen, auf der er versuchen wird, die oben aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Alle, die nur ihren Hass an uns abarbeiten wollen, fordern wir auf, sich stattdessen sinnvollen Aufgaben wie dem Abfassen einer Seminararbeit oder dem Tierschutz zu widmen.

Der Vortrag findet am Samstag, den 22. Oktober 2011 um 19 Uhr in der SexBox, Theater Halle 7, auf dem Gelände der Kultfabrik statt. Treffpunkt ist um 18.30 Uhr der Eingang der Kultfabrik, Gräfinger Straße 6, am Ostbahnhof, Ausgang Friedenstraße, um das Finden des Veranstaltungsortes zu erleichtern.

Der Eintritt beträgt € 3.-, Spenden sind willkommen.

[3]    Bundesagentur für Arbeit, Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland, o.O., 2011, S. 14.

[5]    Judith Butler, Krieg und Affekt, Zürich – Berlin 2009, S. 86

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Klarstellung

Posted in Texte by monacoverein on August 11, 2011

Der Münchener Blogger “Schlamassel” lobt unseren Protest gegen die Erich-Fried-Lesung – offenbar vor allem deshalb, um der Zeitschrift Bahamas eins auszuwischen. Auf solch ein vergiftetes Lob können wir gerne verzichten.

Die Redaktion Bahamas hatte in ihrer aktuellen Ausgabe den Unterschied zwischen linken und antideutschen Interventionen erklärt und das Ganze anhand unserer Aktion illustriert: Im Gegensatz zu den linken Überfällen auf Bahamas-Veranstaltungen, die es in letzter Zeit in Bonn, Marburg oder Berlin gegeben hat, bedienen sich Antideutsche des geschriebenen und gesprochenen Wortes: Sie üben Kritik. Dem schließen wir uns an.

Unser Anliegen bei der Fried-Lesung war es durchaus, den anwesenden Antisemiten auch etwas den Abend zu vermiesen, weshalb wir tatsächlich die für den Abend geplante Inszenierung außerplanmäßig durchkreuzten. Es gab allerdings keinerlei physische Aktion, es flog kein Stuhl und auch die teilweise recht rabiaten Saalverweise wurden ohne Gegenwehr hingenommen. Ebenso sind wir keine Spaßguerilla, die bunte Kostüme und Trommeln auffährt, um keine inhaltliche Auseinandersetzung führen zu müssen. Nach einer halben Stunde haben wir ein Flugblatt verteilt und sind von dannen gezogen. Sollen die Antisemiten doch ihre Kreise drehen.

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Protest gegen Fried-Lesung

Posted in Texte by monacoverein on Juli 2, 2011

Gestern abend fand in München eine Lesung antizionistischer Gedichte Erich Frieds in der Hochschule für Philosophie der Jesuiten statt. Wir haben protestiert und dabei folgendes Flugblatt hinterlassen:

Erich Fried Chicken

Gegen den antizionistischen Gesinnungskitsch!

»Erich Fried zählt zu den bekanntesten Lyrikern der deutschen Sprache. Wenig bekannt sind jedoch seine politischen Gedichte, vor allem das Buch ›Höre, Israel!‹ von 1974«, behauptet der umtriebige Arbeitskreis Palästina ›Salam-Shalom‹ in seinem Einladungsflyer. Wie immer bei diesen Verrückten, die Wahrheit für eine Lüge verschwörerischer Mächte halten und sich ganz auf ihren antisemitischen Wahn verlassen, verhält es sich selbstverständlich genau umgekehrt: Erich Fried ist vor allem für seine als »Lyrik« verkauften Ressentiments gegen Israel bekannt; seine übrigen, nicht weniger miesen Gedichte kennt kaum noch jemand. Wäre Fried bei seinen Leisten geblieben – der Übersetzung großer Literatur aus dem Englischen – er hätte durchaus als Meister der Sprache gelten können. Aber er hat es selbst verbockt, indem er die Dichtung in den Dienst der Politik stellte und damit ihren ästhetischen Gehalt preisgab. Übrig blieb nur noch Gesinnungskitsch – und genau das ist der Grund, warum der Münchener Hamas-Sympathisantenkreis Erich Fried als einen der ihren ausgemacht hat. Wer die universelle Lüge, die Juden seien die Nazis von heute (Erich Fried) und die Palästinenser die Opfer eines »Vernichtungskrieges« (Norbert Blüm), die Häftlinge eines »Konzentrationslagers Gaza« (Giorgio Agamben), zum politischen Grundprinzip erhebt, der kann mit Kunst nichts anfangen; der braucht Propaganda. Und die bietet Erich Fried. Dabei weiß jeder, was ihn erwartet. Zum Beispiel so was:

 Wollt jetzt wirklich ihr
die neue Gestapo sein
die neue Wehrmacht
die neue SA und S.S.
und aus den Palästinensern
die neuen Juden machen?

Nimmt man Ernst, was Fried da zusammengeschustert hat – und was, nebenbei bemerkt, jeden formalen Kriteriums von Lyrik entbehrt –, dann waren die jüdischen Häftlinge in Auschwitz Terroristen, die es auf Massenmord abgesehen hatten, und das Vernichtungslager nichts anderes als ein gewöhnliches Gefängnis. So denkt es sich der Antiimperialist von ›Salam-Shalom‹, der NPD-Kader und Irans Präsident Achmadinedschad.

Menschen mit solch hässlichen Gedanken können mit poetischer Erfahrung nichts anfangen, weil diese immer auf eine noch ausstehende Versöhnung verweist, die mit den gutmenschelnden Ratschlägen der Israel-Kritiker rein gar nichts gemein hat. Fordern diese, Israel solle mit seinen Todfeinden reden und darauf verzichten, sich zu verteidigen – die eigene Vernichtung also achselzuckend in Kauf nehmen –, so verweigert sich gelungene Poesie eingedenk ihres nichtbegrifflichen, ja, nicht einmal logischen Charakters jeder unmittelbar politischen Parteinahme. Ein gutes Gedicht kann verstören, aber sobald es zum bloßen Mittel gemacht wird, muss sich auch seine ästhetische Form ändern: sie wird Propaganda, Konservendichtung, Fast Food. Erich Fried war bereit, diesen Preis zu zahlen. Und deshalb hört sich das, was er als Lyrik feilbot, auch so furchtbar an:

Weil faschistische Mörder
Juden vertrieben haben
sollen jetzt faschistische Mörder
die Palästinenser
die unschuldig waren
am Tod der Juden Europas
so ermorden wie damals
die Juden ermordet wurden

Erich Fried war ein Antisemit und die seine Propaganda hören wollen, sind es auch. Sartres Feststellung, es sei unmöglich, einen guten antisemitischen Roman zu schreiben, gilt umso mehr für das Gedicht. Deshalb sind wir heute nicht hier, um Sie über die »wahren Hintergründe des Nahostkonflikts« aufzuklären oder Ihnen Ihren Antisemitismus auszureden. Wir sind gekommen, um Ihnen unsere Verachtung auszusprechen, denn wir betrachten es als unsere Pflicht, Ihren Furor wenigstens nicht unkommentiert zu lassen. Erfreuen Sie sich nur weiter an solchen Kalauern, die mit Dichtung nichts zu tun haben:

Die Krotts hatten nur eine entartete Maus,

die machte sich aus Speck nichts draus.

Was der alte Fried konnte, können wir schon lange:

Die Antisemiten sind ein Graus

und jetzt ist die Geschichte aus.

 

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