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Die antisemitischen Ausfälle des Michael Wüst

Posted in Texte by monacoverein on Oktober 26, 2010



Offener Brief an die Kultfabrik

 

Liebe Kultfabrik,

die Apotheker haben die Apotheken-Umschau, die Bäcker die Bäcker-Blume, und die Kultfabrik, als umfangreiches Wirtschaftsunternehmen, hat das K Nacht Magazin. Nichts daran ist ungewöhnlich, schließlich will die Kundschaft nicht nur informiert, sondern auch ständig daran erinnert werden, wo sie ihr Geld zu lassen hat. Ungewöhnlich aber ist, und das würde den Redakteuren der Apotheken-Umschau und der Bäcker-Blume nie einfallen, wenn ein solches Werbeblatt plötzlich meint, sich zu politischen Fragen äußern zu müssen. Nicht nur verbietet die unternehmerische Logik solch ein Unterfangen – schließlich sollen keine Kunden aufgrund politischer Positionen abgeschreckt werden –, auch der Zweck einer solchen Positionierung ist nicht wirklich ersichtlich. Will man sich plötzlich einen politischen Anstrich geben, um damit den ewigen Kritikastern aus der Subkultur, in der Kultfabrik werde nur sinnfreier Kommerz betrieben, den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Sollte das der Fall sein, so hat euer Redakteur Michael Wüst jedenfalls den falschen Weg gewählt. In seiner Kolumne in der Oktober-Aussage hat er einen, ja: rechtsextremen Text zusammengeschustert, wie ihn die NPD nicht besser hinkriegen würde. Unter dem reißerischen Titel „Die deutsche Nation!“ gibt Wüst seine Meinung zu Sarrazins irrer These ab, Deutschland schaffe sich ab. Er lobt Sarrazin dafür, „in Fragen deutscher Nation“ vorgelegt zu haben und damit der „europäischen Endeinigung“ (soll das eine witzige Anspielung auf die „deutsche Endlösung“ sein?) und der angeblich „gesinnungsüberwachten Republik“ entgegen getreten zu sein. Tadel erntet Sarrazin nur, weil er „ohne nationale Erregung“ schreibe. Im weiteren Verlauf steigert sich Wüsts Tirade zum Lobgesang auf elitäres Denken und sieht sich, spinnert genug, von „Wächtern“ und „Empörungsgarden“ umzingelt. Der Arme! Zum Glück gibt es noch das K Nacht Magazin, wo sich subversive Geister noch ungegängelt aussprechen dürfen.

Bedient Wüst in seinem Text das autoritäre Bedürfnis von Neonazis, ostdeutschen Rentnern, linken Verschwörungstheoretikern und anderen notorischen Querdenkern, so nimmt es nicht Wunder, dass sein stolzer Nationalismus in einem antisemitischen Ausfall kulminiert, der an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen ist: „Der deutsche Friedman Michel arbeitete sich sofort regelrecht an Sarrazin ab, schwitzte und bespuckte den Bespucker. Er markierte fleißig wie ein geöltes Wiesel.“ Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass das Bild Friedmans (immerhin einer der prominentesten Juden Deutschlands), das hier gezeichnet wird, auf zahlreichen antisemitischen Stereotypen aufbaut. Die Degradierung Friedmans zum Untermenschen, der nicht Herr über seine Körperflüssigkeiten sei, wie vom Wahnsinn getrieben ehrlichen deutschen Volksgenossen ans Leder wolle und sich daher – selbstverständlich erfolglos, denn ein Juden bleibt ein Jude – „einöle“, um nicht als Jude erkannt zu werden; zuguterletzt der Wiesel-Vergleich, der direkt die Ratten-Assoziationen aus Propagandafilmen wie Der ewige Jude aufgreift – kurz: Wüst hat sich hier einen Faux Pas erster Güte geleistet.

Da wir trotzdem nicht davon ausgehen, dass Juden und deren antinationale „Wächter“ in der Kultfabrik unerwünscht sind, fordern wir hiermit die Verantwortlichen dazu auf, sich für die Kolumne öffentlich zu entschuldigen und dafür zu sorgen, dass Wüst seine wüsten Gedanken in Zukunft für sich behält. Das macht seine Kolumne zwar nicht ungeschehen, zeigt aber zumindest, dass Wüst mit seinen Wahnvorstellungen alleine steht und dass die Kultfabrik nicht gewillt ist, antisemitischer Hetze Raum zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Tabea Lutz (Sprecherin der Gruppe Monaco)

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